In einem anderen Thread https://boardgamearena.com/forum/viewtopic.php?t=42273 ist die Frage aufgetaucht, welche Rolle die deutsche Spielregel für die Übersetzung auf BGA spielt. Bitte verzeiht mein kleines Wortspiel
Die BGA-Übersetzungsrichtlinie bleibt da sehr vage:
„Beim Übersetzen eines Spiels sollte der Übersetzer das Spiel genau kennen und wenn möglich ein Exemplar und eine Anleitung des Spiels in der Zielsprache haben, um die Übereinstimmung zu überprüfen.“
Da ich schon einige Erfahrung beim Übersetzen für BGA gesammelt habe, möchte hier meine Überlegungen dazu vorstellen.
Was ist eine maßgebliche deutsche Spielregel?
Zunächst einmal: Ich sehe teilweise erhebliche Qualitätsunterschiede bei deutschen Spielregeln, je nachdem ob sie von einem deutschsprachigen oder nicht-deutschsprachigen Verlag oder sogar „privat“ gefertigt wurden.
Deutschsprachige Verlage haben eine Redaktion, die die Texte überprüfen, und diese Prüfung bezieht sich u. a. auf
- einheitliche Verwendung der Schlüsselbegriffe dieses Spiels
- Verwendung der spielübergreifend üblichen Fachbegriffe (z. B. Plättchen, Spielfigur, Trumpf)
- Formulierung in Alltagssprache, möglichst kurz und gut verständlich
All das trifft auf die anderen Übersetzungen nicht unbedingt zu. Insofern hat die Spielregel eines deutschsprachigen Verlags, abhängig von diesen Qualitätskriterien, für mich ggf. eine höhere Autorität.
Dagegen besitzen die BGA-Kurzregeln, wie z. B. https://de.doc.boardgamearena.com/Gamehelpcoinche, die - falls vorhanden - auch auf der jeweiligen Spieleseite (z. B. https://boardgamearena.com/gamepanel?game=coinche) als "Kurzregel" angezeigt werden, keine Autorität. Sie werden von BGA-Mitgliedern nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben, sind jedoch nicht offiziell.
Soll ich immer der deutschen Spielregel folgen?
Für die Umsetzung eines Spiels auf BGA ist ein Lizenzgeber erforderlich (außer bei gemeinfreien Spielen, wie z. B. Schach). Dieser Lizenzgeber ist häufig kein deutschsprachiger Verlag. Damit können sich Regelunterschiede ergeben zwischen der BGA-Version und der deutschsprachigen Version (z. B. Flip 7, Piraten kapern, Expedition). Ähnliches gilt, wenn es mehrere deutschsprachige Ausgaben gibt.
Deshalb sollte man inhaltlich immer der englischen Vorgabe folgen (also z. B. nichts hinzufügen oder weglassen), denn sie ist die Grundlage für die Spieleumsetzung auf BGA. Dazu heißt es in den BGA-Übersetzungsrichtlinien auch: „Bitte bleibe beim Übersetzen in Bedeutung und Stil immer so nah wie möglich am englischen Originaltext.“ Sollten dabei Fragen auftauchen, empfehle ich, mit dem BGA-Entwickler Kontakt aufzunehmen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass man eine Wort-für-Wort-Übersetzung anfertigen sollte. BGA gibt dazu an: „Die Übersetzer sollten das Sprachniveau und die formellen/informellen Regeln für das Spielepublikum in ihrem Land berücksichtigen.“ Mein Maßstab dafür ist der Spachgebrauch, wie er in den Spielregeln deutschsprachige Verlage üblich ist.
Wie genau soll ich also der deutschen Spielregel folgen?
Wie eben beschrieben, hat generell die englische Vorgabe den Vorrang. Für mich gibt es nur eine entscheidende Ausnahme, und das sind die Schlüsselbegriffe eines Spiels bzw. Genres.
Schlüsselbegriffe sind Worte, die nur innerhalb der Spielewelt existieren, oder dort eine spezielle Bedeutung haben.
Zum Beispiel wird das englische Wort „tile“, das in vielen Legespielen verwendet wird, wörtlich übersetzt mit „Kachel“ oder „Fliese“. Der im Deutschen übliche Fachbegriff dafür ist „Plättchen“ (wie man an den Spielregeln dieses Genres erkennen kann). Und so würde ich ihn auch übersetzen – selbst dann, wenn es zu diesem speziellen Spiel keine deutsche Spielregel gibt. Man kann und sollte also durchaus auch deutsche Regeln zu anderen Spielen heranziehen!
Nur in begründeten Ausnahmefällen würde ein deutschsprachiger Verlag dafür einen anderen Begriff als „Plättchen“ verwenden. So geht es zum Beispiel in Azul tatsächlich um Fliesen, und deshalb wurde dort auch dieses Wort verwendet. Hier gibt dann natürlich die konkrete deutsche Spielregel den Ausschlag für die Übersetzung.
Auch das Material eines Spiels hat ganz spezifische Begriffe (z. B. Namen von Karten), die immer gleich bleibend verwendet werden sollten.
Hierzu ebenfalls ein Beispiel: „Arbeiter“ als Schlüsselbegriff vieler Spiele bedeutet üblicherweise eine Spielfigur, die auf einem Spielplanfeld eingesetzt wird, um die dort angegebene Aktion ausführen zu können. In dem Spiel Carnegie, in dem die Spieler sich als Unternehmer versuchen, werden die Arbeiter an das Thema angepasst als „employee“ bezeichnet. In der deutschen Übersetzung habe ich vier verschiedene Begriffe dafür gefunden: Arbeiter, Arbeitnehmer, Angestellter, Mitarbeiter. Für die deutschsprachigen Spieler ist das sehr verwirrend. Ist damit Unterschiedliches gemeint? Hier sollte man als Übersetzer also dringend in die deutsche Spielregel schauen (wenn möglich - mehr dazu unten) und die Übersetzung entsprechend anpassen.
Schlüsselbegriffe stehen häufig nicht nur für ein einzelnes Wort, sondern für einen bestimmten Mechanismus, wie z. B. Trumpf oder Drafting. Sie sind also eine Art Abkürzung für die Regelerklärung. Manchmal haben gleiche oder ähnliche Schlüsselbegriffe je nach Spiel eine recht unterschiedliche Bedeutung. Zum Beispiel kann „Gebäude errichten“ in einem Spiel bedeuten, dass ich einen Baustein auf den Spielplan setze und in einem anderen Spiel, dass ich eine Karte ausspiele. Innerhalb eines Spiel ist aber immer das Gleiche gemeint.
Solche Schlüsselbegriffe sollten immer einheitlich verwendet werden, damit die Spieler klar verstehen, was jeweils gemeint ist. Ich schaue dafür in die offizielle deutsche Regel (d. h. von einem Verlag herausgegeben), auch wenn ihre Qualität eher schlecht ist. Wenn sie allerdings für eine Sache unterschiedliche Begriffe verwendet, vereinheitliche ich sie in der Übersetzung, und weiche somit an manchen Stellen von der deutschen Regel ab. BGA schreibt dazu: „Funktionalität, Klarheit und Einheitlichkeit stehen im Vordergrund.“
Und wenn ich keine deutsche Spielregel habe?
In solchen Fällen mache ich mich auf die Suche. Zuerst schaue ich auf der BGA-Spieleseite nach, ob dort Regeln oder Videos zum deutschen Spiel verlinkt sind. Wenn nicht, forsche ich selbst im Internet (z. B. auf https://boardgamegeek.com/, auf der Webseite des Verlags oder über eine Suchmaschine). Das führt aber nicht immer zum Erfolg, weil das Spiel vielleicht zu alt ist, es keine deutsche Ausgabe gibt oder der Verlag die Spielregel nicht herausgibt (wie der Schwerkraft-Verlag).
Soll ich dann nicht übersetzen? Ich denke doch, denn die Wahrscheinlichkeit, dass jemand das physische Spiel besitzt und außerdem für BGA übersetzt, ist nicht besonders hoch. Im Zweifel besser abweichend vom Original übersetzt, als gar nicht! Ich schaue dann aber bei den Schlüsselbegriffen, wie andere sie übersetzt haben, bzw. welche Übersetzung in vergleichbaren Spielen üblich ist, und sorge dann möglichst für ein einheitliches Vorgehen. Damit macht man es einem Korrektor, der die deutsche Regel besitzt, auch leichter, nachträglich den Original-Begriff einzutragen.
Die BGA-Übersetzungsrichtlinie bleibt da sehr vage:
„Beim Übersetzen eines Spiels sollte der Übersetzer das Spiel genau kennen und wenn möglich ein Exemplar und eine Anleitung des Spiels in der Zielsprache haben, um die Übereinstimmung zu überprüfen.“
Da ich schon einige Erfahrung beim Übersetzen für BGA gesammelt habe, möchte hier meine Überlegungen dazu vorstellen.
Was ist eine maßgebliche deutsche Spielregel?
Zunächst einmal: Ich sehe teilweise erhebliche Qualitätsunterschiede bei deutschen Spielregeln, je nachdem ob sie von einem deutschsprachigen oder nicht-deutschsprachigen Verlag oder sogar „privat“ gefertigt wurden.
Deutschsprachige Verlage haben eine Redaktion, die die Texte überprüfen, und diese Prüfung bezieht sich u. a. auf
- einheitliche Verwendung der Schlüsselbegriffe dieses Spiels
- Verwendung der spielübergreifend üblichen Fachbegriffe (z. B. Plättchen, Spielfigur, Trumpf)
- Formulierung in Alltagssprache, möglichst kurz und gut verständlich
All das trifft auf die anderen Übersetzungen nicht unbedingt zu. Insofern hat die Spielregel eines deutschsprachigen Verlags, abhängig von diesen Qualitätskriterien, für mich ggf. eine höhere Autorität.
Dagegen besitzen die BGA-Kurzregeln, wie z. B. https://de.doc.boardgamearena.com/Gamehelpcoinche, die - falls vorhanden - auch auf der jeweiligen Spieleseite (z. B. https://boardgamearena.com/gamepanel?game=coinche) als "Kurzregel" angezeigt werden, keine Autorität. Sie werden von BGA-Mitgliedern nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben, sind jedoch nicht offiziell.
Soll ich immer der deutschen Spielregel folgen?
Für die Umsetzung eines Spiels auf BGA ist ein Lizenzgeber erforderlich (außer bei gemeinfreien Spielen, wie z. B. Schach). Dieser Lizenzgeber ist häufig kein deutschsprachiger Verlag. Damit können sich Regelunterschiede ergeben zwischen der BGA-Version und der deutschsprachigen Version (z. B. Flip 7, Piraten kapern, Expedition). Ähnliches gilt, wenn es mehrere deutschsprachige Ausgaben gibt.
Deshalb sollte man inhaltlich immer der englischen Vorgabe folgen (also z. B. nichts hinzufügen oder weglassen), denn sie ist die Grundlage für die Spieleumsetzung auf BGA. Dazu heißt es in den BGA-Übersetzungsrichtlinien auch: „Bitte bleibe beim Übersetzen in Bedeutung und Stil immer so nah wie möglich am englischen Originaltext.“ Sollten dabei Fragen auftauchen, empfehle ich, mit dem BGA-Entwickler Kontakt aufzunehmen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass man eine Wort-für-Wort-Übersetzung anfertigen sollte. BGA gibt dazu an: „Die Übersetzer sollten das Sprachniveau und die formellen/informellen Regeln für das Spielepublikum in ihrem Land berücksichtigen.“ Mein Maßstab dafür ist der Spachgebrauch, wie er in den Spielregeln deutschsprachige Verlage üblich ist.
Wie genau soll ich also der deutschen Spielregel folgen?
Wie eben beschrieben, hat generell die englische Vorgabe den Vorrang. Für mich gibt es nur eine entscheidende Ausnahme, und das sind die Schlüsselbegriffe eines Spiels bzw. Genres.
Schlüsselbegriffe sind Worte, die nur innerhalb der Spielewelt existieren, oder dort eine spezielle Bedeutung haben.
Zum Beispiel wird das englische Wort „tile“, das in vielen Legespielen verwendet wird, wörtlich übersetzt mit „Kachel“ oder „Fliese“. Der im Deutschen übliche Fachbegriff dafür ist „Plättchen“ (wie man an den Spielregeln dieses Genres erkennen kann). Und so würde ich ihn auch übersetzen – selbst dann, wenn es zu diesem speziellen Spiel keine deutsche Spielregel gibt. Man kann und sollte also durchaus auch deutsche Regeln zu anderen Spielen heranziehen!
Nur in begründeten Ausnahmefällen würde ein deutschsprachiger Verlag dafür einen anderen Begriff als „Plättchen“ verwenden. So geht es zum Beispiel in Azul tatsächlich um Fliesen, und deshalb wurde dort auch dieses Wort verwendet. Hier gibt dann natürlich die konkrete deutsche Spielregel den Ausschlag für die Übersetzung.
Auch das Material eines Spiels hat ganz spezifische Begriffe (z. B. Namen von Karten), die immer gleich bleibend verwendet werden sollten.
Hierzu ebenfalls ein Beispiel: „Arbeiter“ als Schlüsselbegriff vieler Spiele bedeutet üblicherweise eine Spielfigur, die auf einem Spielplanfeld eingesetzt wird, um die dort angegebene Aktion ausführen zu können. In dem Spiel Carnegie, in dem die Spieler sich als Unternehmer versuchen, werden die Arbeiter an das Thema angepasst als „employee“ bezeichnet. In der deutschen Übersetzung habe ich vier verschiedene Begriffe dafür gefunden: Arbeiter, Arbeitnehmer, Angestellter, Mitarbeiter. Für die deutschsprachigen Spieler ist das sehr verwirrend. Ist damit Unterschiedliches gemeint? Hier sollte man als Übersetzer also dringend in die deutsche Spielregel schauen (wenn möglich - mehr dazu unten) und die Übersetzung entsprechend anpassen.
Schlüsselbegriffe stehen häufig nicht nur für ein einzelnes Wort, sondern für einen bestimmten Mechanismus, wie z. B. Trumpf oder Drafting. Sie sind also eine Art Abkürzung für die Regelerklärung. Manchmal haben gleiche oder ähnliche Schlüsselbegriffe je nach Spiel eine recht unterschiedliche Bedeutung. Zum Beispiel kann „Gebäude errichten“ in einem Spiel bedeuten, dass ich einen Baustein auf den Spielplan setze und in einem anderen Spiel, dass ich eine Karte ausspiele. Innerhalb eines Spiel ist aber immer das Gleiche gemeint.
Solche Schlüsselbegriffe sollten immer einheitlich verwendet werden, damit die Spieler klar verstehen, was jeweils gemeint ist. Ich schaue dafür in die offizielle deutsche Regel (d. h. von einem Verlag herausgegeben), auch wenn ihre Qualität eher schlecht ist. Wenn sie allerdings für eine Sache unterschiedliche Begriffe verwendet, vereinheitliche ich sie in der Übersetzung, und weiche somit an manchen Stellen von der deutschen Regel ab. BGA schreibt dazu: „Funktionalität, Klarheit und Einheitlichkeit stehen im Vordergrund.“
Und wenn ich keine deutsche Spielregel habe?
In solchen Fällen mache ich mich auf die Suche. Zuerst schaue ich auf der BGA-Spieleseite nach, ob dort Regeln oder Videos zum deutschen Spiel verlinkt sind. Wenn nicht, forsche ich selbst im Internet (z. B. auf https://boardgamegeek.com/, auf der Webseite des Verlags oder über eine Suchmaschine). Das führt aber nicht immer zum Erfolg, weil das Spiel vielleicht zu alt ist, es keine deutsche Ausgabe gibt oder der Verlag die Spielregel nicht herausgibt (wie der Schwerkraft-Verlag).
Soll ich dann nicht übersetzen? Ich denke doch, denn die Wahrscheinlichkeit, dass jemand das physische Spiel besitzt und außerdem für BGA übersetzt, ist nicht besonders hoch. Im Zweifel besser abweichend vom Original übersetzt, als gar nicht! Ich schaue dann aber bei den Schlüsselbegriffen, wie andere sie übersetzt haben, bzw. welche Übersetzung in vergleichbaren Spielen üblich ist, und sorge dann möglichst für ein einheitliches Vorgehen. Damit macht man es einem Korrektor, der die deutsche Regel besitzt, auch leichter, nachträglich den Original-Begriff einzutragen.